Melle, Bremen, Hamburg: Die wahren Bremer Stadtmusikanten aus Herford on tour

von Lina Schopen

Melle, Bremen, Hamburg: drei atemlose Tage „zwischen Herzrasen, Hitze und zu viel Kaffee ...“ Gut, das mit der Hitze ist gelogen, es regnet meistens, aber manchen fällt das gar nicht auf: „Hat nicht eben noch die Sonne geschienen?“ – „Nein, das kam dir nur so vor.“ Das Auto rollt über halbleere Straßen, die nasse Fahrbahn blitzt auf: Wir sind auf dem Weg in den hohen Orgelnorden.
Wir: Das ist eine Handvoll verwegener Studierender, die sich als die wahren Bremer Stadtmusikanten fühlen und nicht einmal vor Subsemitonien zurückschrecken.

Bremen: Das ist eine kopfsteingepflasterte Innenstadt mit engen Gässchen, Notenbibliotheken zum Stöbern und Freiluftaquarien. Wir essen libanesisch, verlieren uns und finden uns wieder im Menschengewühl, laufen auf ausgetretenen Bürgersteigen den Weg hinunter zur Weser, die Schlamm und Gehölz mit sich trägt. Und wir, wir lassen uns auch ein bisschen treiben. Nur drei Tage lang, ein kleines Ausklammern von Hochschulleben und Alltagsprosa.

Aber so weit sind wir noch nicht. Noch ist es Dienstagmorgen und wir sind nicht weit von Herford entfernt. In St. Matthäus in Melle haben wir einige Stunden Zeit für die Klausing-Orgel, die Anfang des 19. Jahrhunderts noch im Osnabrücker Dominikanerkloster stand und im Zuge der Säkularisation ihren Weg hierher fand. Wir erfahren, dass die Orgelbauerfamilie Klausing im 17. und 18. Jahrhundert ihr Schaffenszentrum in Herford hatte, und werden mit der historischen Stimmung der Orgel vertraut gemacht, die eine Übergangsform von der mitteltönigen zur wohltemperierten Stimmung darstellt. Unsere eigene Stimmung ist andächtig, denn der Weihrauch nimmt uns fast den Atem. Aber manchmal ist Scheidt auch nur Schein.

Weiter geht es von Zapfsäule zu Raststätte. „Nicht jeder glaubt an Gott, aber alle glauben an Bach“, verkündet der westdeutsche Rundfunk. Wir glauben auch an Reger und Toto, und es ist durchaus kein Widerspruch, wenn nach Boëllmanns Suite gothique Friedrich Liechtenstein singt.

In Bremen führt uns unser Weg zuerst in die Krypta des Doms, wo seit kurzem ein kleines Orgelpositiv von Pasquale Palmieri aus dem frühen 19. Jahrhundert steht. Domorganist Stephan Leuthold stellt uns außerdem die Silbermann-Orgel in der Taufkapelle vor, die große Sauerorgel bleibt dem Folgeabend vorbehalten.

Den Mittwoch beginnen wir in der Waller Kirche, wo wir an der niederländischen Barockorgel (van der Putten) Sweelinck und Buxtehude spielen, anschließend brechen wir auf in den Schnoor, das älteste Viertel Bremens. Zwischen niedrige Häuser und schmale Straßen schmiegt sich St. Johann, wo wir noch am selben Tag ein Konzert geben werden. Zwischen Einspielzeiten und Einkäufen bekommen wir eine private Stadtführung, schließlich hat unsere Dozentin nicht umsonst Bremer Wurzeln.

Das Konzertprogramm des Abends – Bruhns, Bach, Kluge, Reger, Franck und Vierne – ist auch ein persönliches Dankeschön an Bremen, das uns mit offenen Armen empfangen hat. Kaum zwei Tage waren wir dort, aber schon sind wir verschmolzen mit dem Stadtbild und bewegen uns mit einer uns selbst verblüffenden Natürlichkeit durch die Straßen. (Das ist nicht die Perspektive einer Einheimischen, die uns möglicherweise gleich als Westfalen identifiziert hat, sondern die einer Studentin, die rückblickend noch einmal die Euphorie des Fahrtengefühls durchlebt.)

Nächste Station: Hamburg. Am Donnerstagmorgen geht es zuerst nach Neuenfelde, wo uns eine mit Blattgold und Deckenfresken bestückte Kirche erwartet: In St. Pankratius steht eine von  Wegscheider restaurierte Schnitger-Orgel, in großen Lettern überschrieben mit „Gott allein die Ehre“. Im Kirchgarten blühen Narzissen, und die Straße trägt den Namen Organistenweg.

Der Weg zur finalen Station der Orgelreise führt uns am Hafen vorbei und durch die Speicherstadt. Es ist kein Hamburgwetter, im Gegenteil, die Elbe ist in weiches Licht getaucht. Kantor und Organist Gerhard Löffler empfängt uns in St. Jacobi, gibt uns zuerst Zeit, die von Ahrend renovierte Schnitger-Orgel selbst zu spielen, und beschließt dann den Nachmittag mit einem kurzen Konzert.

Über Brücken und durch Baustellen finden wir den Weg aus Hamburg heraus und fahren wieder gen Süden. Längst haben sich Alltagsgedanken eingeschlichen, bröckeln die Bremer Tage dahin ...
Was bleibt? Wissbegierde, neue Pläne und Projekte, einige Edelsteinmomente und sehr viele neue Bilder für die Fotowand im Aufenthaltsraum. Es war schön mit euch – danke an alle, die diese Orgelreise möglich gemacht haben.