Sing mit! Offenes Singen mit Studierenden der Hochschule für Kirchenmusik

Regelmäßig geht es für die Studierenden der Hochschule an die Theorie und Praxis des Gemeindesingens, einem ihrer (vielen!) wichtigen Aufgabenfelder. Denn auch das will gut gelernt sein - damit der Gemeinde und auch sonstigen bunt gemischten Gruppen, mit denen Kirchenmusiker*innen musikalisch arbeiten, das gemeinsame Musizieren eine umso leichtere Freude wird.

 

Offenes Singen im Kirchenmusikstudium

Während des Bachelor-Studiums Klassisch sind insgesamt mindestens zwei klausurartige Wochen dem Unterricht, dem Üben und dem Ausprobieren gewidmet. Zwar sind Leitung und Dirigat für die jungen Musikerinnen und Musiker nicht neu, sondern ganz im Gegenteil ein kontinuierlicher Bestandteil ihres gesamten Studiums; aber in diesen Seminarwochen steht das Repertoire im Vordergrund, mit dem "offene" Gruppen angeleitet werden können - Gruppen also, die relativ spontan entstehen und in jeder Hinsicht durchmischt und bunt sind.

Offene Gruppen

Die Gegebenheiten bei einer Offenen Gruppe sind andere als bei Ensembles, die regelmäßig miteinander proben. Insbesondere ist nicht vorhersehbar, wie viele Personen kommen, welche Stimmlagen, welche Motivation, welche Gemeinsamkeiten, welche Unterschiede, welche Art Vorkenntnisse usw. da zusammenfinden. Offen heißt ja auch aufgeschlossen: jede und jeder ist willkommen. Heterogenität und Vielfalt prägen solche Gruppen - und genau so ist es erwünscht. Darauf als Leitende*r spontan, flexibel und souverän reagieren und eingehen zu können - das sollte keine Frage des Zufalls sein. Mit "handwerklichen" Mitteln, Kenntnissen, Übung und nicht zuletzt persönlicher Erfahrung ist eine fundierte Vorbereitung sehr gut möglich. Am Ende steht dann fast immer ein alle verbindendes freudiges Erlebnis durch das gemeinsame, gut angeleitete Musizieren, an dem jede/r Einzelne beteiligt ist, wenn sie/er es möchte.

Sing mit!

Am Ende der Seminarwoche, in der die Studierenden unter sich üben, steht die Feuerprobe mit einer "echten" offenen Gruppe: Im Rahmen eines Offenen Singens (meist gleich nach dem Jahreswechsel, Termine siehe Veranstaltungen) in einer gastgebenden Gemeinde werden etwa fünf Lieder, zum großen Teil aus dem Evangelischen Gesangbuch, mit allen Anwesenden, die Lust zum Mitsingen haben, entwickelt. Ein Vokal-und Instrumentalensemble der teilnehmenden Student*innen unterstützt dabei. Fünf Studierende leiten nacheinander die Gruppe an - für die Besucher eine tolle Gelegenheit, Unterschiede und persönliche Feinheiten an den Leitenden zu entdecken. Und die Studierenden legen mit der Veranstaltung einen Teil ihrer Prüfung im Bachelor-Studiengang ab.

Wer Freude am Singen, an der entstehenden Musik und an seiner eigenen Stimme hat, oder Lust, diese Freude (neu) zu entdecken, sollte das Offene Singen nicht verpassen. Auch wer einfach neugierig ist, was alles um ein Lied oder einen Choral herum entstehen kann, wer einen möglicherweise neuen Blick auf bekannte Lieder werfen möchte, wird vieles entdecken und mitnehmen können. Und wer gerne kompetent angeleitet werden und sich beim Singen in einer Gruppe wohlfühlen möchte, hat gute Chancen, dies bei diesen Veranstaltungen zu erleben. Und nicht zuletzt: Besucher bekommen einen hautnahen Eindruck von dem, was Kirchenmusiker*innen "auch noch so tun!"

Was vorher geschieht ...

Dabei beginnen die Vorbereitungen für das offene Singen schon viel früher. Prof. Monika Hofmann und Prof. Hildebrand Haake, die die Gemeindesingwoche leiten, stecken den Rahmen ab, unter welchen Aspekten die Veranstaltung durchgeführt werden kann, welche organisatorischen Voraussetzungen nötig sind, wie ein Programm entsteht, wie es strukturiert sein sollte. Auch Rainer Weiss, Lehrbeauftragter für Gesang und mit viel Bühnenerfahrung ausgestattet, ist zeitweise im Kurs dabei, um den Bereich Bühnenpräsenz, Auftritt, Präsentation weiter zu entwickeln. "Die Studierenden sollen mit dem offenen Singen diese wichtige Form der Vermittlung von Liedern, Chorälen usw. an die Gottesdienstgemeinde oder andere beliebige Gruppen ausprobieren und verbessern können. Sie sollen dies als Chance begreifen, sich selbst als inhaltlich vermittelnde, musikalisch handelnde und im Gemeindekontext verankerte Person den Besucher*innen vorzustellen und nahe zu bringen," beschreibt Prof. Hildebrand Haake den Wert der Ausbildungswoche und ihrer Abschlussveranstaltung.

Die fünf Prüfungskandidat*innen kommen - nachdem die Programmauswahl bis etwa Dezember abgeschlossen wurde - mit ihren Ideen zur Entfaltung der Choräle/Lieder in die Kurswoche. Dann wird gemeinsam mit den Kommiliton*innen die Umsetzung ausprobiert. Dabei geht es um Fragen der Instrumentation (Melodieinstrumente bilden ein Instrumentalensemble zusammen mit Tastenspielern), um Fragen der Einstudierung mit den Besucher*innen, handwerkliche Mittel wie Vorsingen, Tonhöhendirigat, Darstellung durch den Chor der Kommiliton*innen, usw.

Über all diesem steht das Anliegen, ein gemeinsames Erlebnis bei der Umsetzung des Liedes zu vermitteln, Interesse bei der Gruppe zu wecken für gerade diese Melodie, diesen Text, etwa in der Wort-Ton-Beziehung, im historischen Kontext, im Erlebnis eines Musizierens im Raum oder durch ungewohnte Darstellungsmittel (Flüstern, Schreien, musikalische Cluster, Improvisation). "Dafür ist die persönliche Präsenz der Vortragenden/Leitenden sehr wichtig," weiß Hildebrand Haake, "die in diesem Moment als authentisch agierende, aus ihrer eigenen Motivation und Identifikation mit dem gewählten Stück sich äußernde Moderatoren und Musiker erkennbar werden sollen. Wie bewege ich mich, wie spreche ich, wie gelingt der Wechsel reden/singen, wie erzeuge ich Interesse am Gegenstand?"

Und übrigens ...

Zwei Personen aus Ostwestfalen sind in besonderer Weise mit dem Format des "Offenen Singens" verbunden: Der lange Jahre in Bünde tätige Kantor Hans Rudolf Siemoneit wirkte über viele Jahre zusätzlich als Landes-Singwart der Evangelischen Kirche von Westfalen. Im Jahr 1976 verfasste er ein Buch unter dem Titel "Offenes Gemeindesingen", das mit zahlreichen Praxistipps für eine ganze Generation von Kirchenmusiker*innen zu einem Standardwerk wurde.

Neben seiner Tätigkeit als Tonsatzdozent an der Westfälischen Landeskirchenmusikschule Herford, seit 1991 Hochschule für Kirchenmusik der EKvW, brachte Johannes H. E. Koch als Singleiter seine Praxiserfahrung in die Ausbildung der Studierenden ein. Für die Dauer etwa eines Jahrzehnts war er in Live-Sendungen des WDR unter dem Titel "Singt mit uns" jährlich einmal im Advent "auf Sendung": Aus wechselnden Kirchen wurden Veranstaltungen übertragen, in denen Koch sowohl als versierter Moderator als auch mit einem vollständig durchkomponiertem Programm Maßstäbe setzte. Aufwändige Instrumentierungen unter Beteiligung von Blechbläsern, Blockflöten, Streichern und Tasteninstrumenten setzten sowohl traditionelle Choräle als auch europäische Weihnachtslieder in Szene.

SING MIT!

Die nächste Mitsingveranstaltung mit Studierenden der Hochschule findet statt:

am 10. Januar 2020 in Bünde

Mehr Informationen

Offenes Singen mit Studierenden der Pop-Akademie der Hochschule beim Evangelischen Kirchentag 2019 in Dortmund, Kirche St. Nicolai. Foto: Stephan Schütze